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Klimapfade für Deutschland

Kosteneffiziente Wege zur Erreichung der deutschen Klimaziele

Mit dem Ziel, bis 2050 die Treibhausgasemissionen in Deutschland um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 zu senken, hat die Bundesregierung im Einklang mit der EU einen ehrgeizigen deutschen Beitrag zur Begrenzung des Klimawandels angekündigt. Die Umsetzung dieser Zielsetzung ist ein langfristiges politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Großprojekt von enormer Tragweite.

Die Studie "Klimapfade für Deutschland" zeigt vor diesem Kontext aus heutiger Sicht volkswirtschaftlich kosteneffiziente Wege auf, wie bis 2050 eine 80- bis 95-prozentige Reduktion der deutschen Treibhausgase gelingen kann. Die Studie ist das Ergebnis eines 9-monatigen intensiven Arbeitsprozesses mit der deutschen Industrie, in den mehr als 200 Beteiligte aus 68 Verbänden und Unternehmen aller deutschen Wirtschaftssektoren eingebunden waren. Umfang, Tiefe und inhaltliche Validierung der Analyse sind zu diesem Thema bisher in Deutschland unerreicht.

Report Lesen (Deutsch)

Die BCG-Präsentation der Kernergebnisse auf dem BDI-Kongress finden Sie HIER

Die wesentlichen Erkenntnisse der Studie sind im Folgenden zusammengefasst:

  1. Mit einer Fortsetzung derzeitiger Anstrengungen in Form bestehender Maßnahmen, beschlossener politischer und regulatorischer Rahmenbedingungen sowie absehbarer Technologieentwicklungen („Referenzpfad“) werden bis 2050 circa 61 Prozent Treibhausgas (THG)-Reduktion gegenüber 1990 erreicht. Es verbleibt damit eine Lücke von 19 bis 34 Prozentpunkten zu den deutschen Klimazielen.
  2. 80 Prozent THG-Reduktion sind technisch möglich und in den betrachteten Szenarien volkswirtschaftlich verkraftbar. Die Umsetzung würde allerdings eine deutliche Verstärkung bestehender Anstrengungen, politische Umsteuerungen und ohne globalen Klimaschutz-Konsens einen wirksamen Carbon-Leakage-Schutz erfordern.
  3. 95 Prozent THG-Reduktion wären an der Grenze absehbarer technischer Machbarkeit und heutiger gesellschaftlicher Akzeptanz. Eine solche Reduktion (gegenüber dem 80 % Pfad noch einmal um drei Viertel) erfordert praktisch Nullemissionen für weite Teile der deutschen Volkswirtschaft. Dies würde neben einem weitestgehenden Verzicht auf alle fossilen Brennstoffe unter anderem den Import erneuerbarer Kraftstoffe (Power-to- Liquid/Gas), den selektiven Einsatz aktuell unpopulärer Technologien wie Carbon-Capture-and-Storage (CCS) und sogar weniger Emissionen im Tierbestand bedeuten – eine erfolgreiche Umsetzung wäre nur bei ähnlich hohen Ambitionen in den meisten anderen Ländern vorstellbar.
  4. Mehrere „Game Changer“ könnten die Erreichung der Klimaziele in den nächsten Jahrzehnten potentiell erleichtern und günstiger gestalten (u.a. Technologien für die Wasserstoffwirtschaft und Carbon-Capture-and-Use Verfahren). Deren Einsatzreife ist aktuell noch nicht sicher absehbar und daher zur Erreichung der Ziele nicht unterstellt, sie müssten allerdings mit Priorität erforscht und entwickelt werden.
  5. Die kosteneffiziente Erreichung der Klimapfade würde aus heutiger Sicht in Summe Mehrinvestitionen von 1,5 bis 2,3 Billionen Euro bis 2050 gegenüber einem Szenario ohne verstärkten Klimaschutz erfordern, davon ca. 530 Milliarden Euro für eine Fortschreibung bereits bestehender Anstrengungen (im Referenzpfad). Dies entspricht bis 2050 durchschnittlichen jährlichen Mehrinvestitionen von circa 1,2 bis 1,8 Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die direkten volkswirtschaftlichen Mehrkosten nach Abzug von Energieeinsparungen lägen bei etwa 470 bis 960 Milliarden Euro bis 2050 (etwa 15 bis 30 Milliarden Euro pro Jahr), davon ca. 240 Milliarden Euro für bestehende Anstrengungen.
  6. Bei optimaler politischer Umsetzung wären die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der betrachteten Klimapfade trotzdem neutral („schwarze Null“), im betrachteten 80 % Klimapfad sogar im Szenario ohne globalen Konsens. Dabei wäre jedoch ein umfangreicherer Schutz gefährdeter Industrien nötig, um dem Risiko einer Schwächung industrieller Wertschöpfung zu begegnen – in Form eines wirksamen Carbon-Leakage-Schutzes und langfristig verlässlicher Ausgleichsregelungen für Industrien im internationalen Wettbewerb.
  7. Erfolgreiche Klimaschutzbemühungen wären mit einer umfangreichen Erneuerung aller Sektoren der deutschen Volkswirtschaft verbunden und könnten deutschen Exporteuren weitere Chancen in wachsenden „Klimaschutzmärkten“ eröffnen. Studien erwarten, dass das Weltmarktvolumen der wichtigsten Klimatechnologien bis 2030 auf 1 bis 2 Billionen Euro pro Jahr wachsen wird. Deutsche Unternehmen können für diesen globalen Wachstumsmarkt ihre Technologieposition stärken.
  8. Gleichzeitig wird der anstehende Transformationsprozess Deutschland vor erhebliche Umsetzungsherausforderungen stellen. Die betrachteten Klimapfade sind volkswirtschaftlich kosteneffizient und unterstellen eine ideale Umsetzung u.a. im Sinne sektorübergreifender Optimierung und „richtiger Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt“. Fehlsteuerungen in der Umsetzung – wie z.B. in der Energiewende durch Überförderungen und der Verzögerung des Netzausbaus beobachtbar – können die Kosten und Risiken erheblich steigen oder das Ziel sogar unerreichbar werden lassen.
  9. Erfolgreicher Klimaschutz in Deutschland könnte international Nachahmer motivieren. Andererseits wären im Fall signifikant negativer wirtschaftlicher Auswirkungen die deutschen Klimaschutzbemühungen sogar kontraproduktiv, da sie andere Staaten abschrecken während der deutsche Anteil am globalen THG-Ausstoß (weniger als drei Prozent) das Klima allein nicht wesentlich beeinflusst. Eine international vergleichbar ambitionierte Umsetzung zumindest innerhalb der größten Volkswirtschaften (G20) würde diese Risiken deutlich mindern und deutschen Unternehmen außerdem breitere Exportchancen eröffnen.
  10. Eine erfolgreiche Erreichung der deutschen Klimaziele und eine positive internationale Multiplikatorwirkung sind daher ein politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Kraftakt. Gefragt ist eine weitsichtige Klima-, Industrie- und Gesellschaftspolitik „aus einem Guss“, die auf Wettbewerb und Kosteneffizienz setzt, gesellschaftliche Lasten fair verteilt, Akzeptanz für die Maßnahmen sicherstellt sowie den Erhalt und Ausbau industrieller Wertschöpfung priorisiert. Dazu bedarf es für das "Großprojekt Klimaschutz" einer langfristigen politischen Begleitung.

Die Begrenzung des Klimawandels ist eine der bedeutendsten globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Wir sind überzeugt, dass es bei geeignetem politischen Handeln in Deutschland gelingen kann, Treibhausgasemissionen entscheidend zu reduzieren ohne dabei Deutschlands Wirtschaftsstärke zu gefährden. Das erfordert allerdings umsichtige Weichenstellungen und eine gemeinsame Anstrengung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.

Mit dem Gelingen dieser Anstrengungen würde ein positiver und relevanter Beitrag zum internationalen Klimaschutz geleistet. Die vorliegende Studie soll dafür ein fundierter Debattenbeitrag sein und konkrete Umsetzungsansätze bieten.

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