- Neue BCG/C2C-Studie zeigt Potenziale zirkulärer Geschäftsmodelle: Der europäische Refurbishment-Markt für Smartphones wächst bis 2030 auf bis zu 8 Milliarden Euro
- Product-as-a-Service-Modelle können bei ausgewählten Produkten wie Waschmaschinen mehr als 15 Prozentpunkte höhere Margen als der Einmalverkauf erzielen
- Kreislaufwirtschaft reduziert Abhängigkeiten und steigert die Resilienz der Branche: Der Primär-Materialbedarf für neue Waschmaschinen kann um 40 bis 50 Prozent sinken
Berlin—Kritische Rohstoffe im Wert von 65 Milliarden Euro sind europaweit in Haushaltsgeräten und Unterhaltungselektronik verbaut. Ein Großteil dieser wertvollen Ressourcen wird früher oder später ungenutzt entsorgt. Allein in der Waschmaschinenproduktion ließen sich 70 Prozent der kritischen Rohstoffe aus den Materialien alter Geräte abdecken. In ausgedienten Handys, die in europäischen Schubladen liegen, stecken rund 50.000 Tonnen kritischer Rohstoffe – ein Materialwert von schätzungsweise 3,5 Milliarden Euro. Eine konsequente Kreislaufwirtschaft kann dieses Potenzial heben und zusätzliche Wertschöpfungspotenziale schaffen. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group hat gemeinsam mit der Cradle to Cradle Electronics Initiative (C2CEI) erstmals konkret das Marktpotenzial der zirkulären Elektronik am Beispiel von Waschmaschinen und Smartphones detailliert untersucht.
Cradle to Cradle ist ein Designansatz, bei dem Produkte von Anfang an so gestaltet werden, dass ihre Materialien am Ende ohne Qualitätsverlust zurückgewonnen und wiederverwendet werden können. Bereits im Design wird festgelegt, welchem Kreislauf ein Produkt zugeordnet ist und wie viel Wert später zurückgewonnen werden kann.
„Die Studie belegt, dass die Elektronikindustrie als wichtige Zukunftsbranche mit einer zirkulären Wirtschaft Rohstoffe zurückgewinnen und damit deutliche Einsparungen erzielen kann. Das bedeutet: geringere Kosten und Risiken in Zeiten verwundbarer Lieferketten. Gleichzeitig eröffnen sich neue Märkte in Europa“, sagt Nora Sophie Griefahn, Geschäftsführender Vorstand der Cradle to Cradle NGO. „Jetzt ist das Zeitfenster, Cradle to Cradle Design vom Piloten zum Branchenstandard weiterzuentwickeln.“
Neue EU-Gesetze erhöhen den Handlungsdruck
Der Critical Raw Materials Act strebt bis 2030 einen Recyclinganteil von mindestens 25 Prozent bei strategischen Rohstoffen an. Für Batterien sind künftig Mindestanteile an recyceltem Kobalt, Lithium und Nickel Pflicht. Das Recht auf Reparatur verpflichtet Hersteller, Ersatzteile je nach Produktkategorie bis zu zehn Jahre bereitzustellen. Hersteller bleiben auch nach dem Verkauf für Rücknahme und Recycling verantwortlich.
„Produzenten müssen die strengen EU-Anforderungen an das Recycling jetzt ins Produktdesign und ihre Geschäftsmodelle integrieren. So können sie bis zum Ende des Jahrzehnts ihre Wettbewerbsposition sichern und weiter ausbauen“, erklärt Alexander Meyer zum Felde, Partner bei Boston Consulting Group und Mitautor der Studie. „Zirkularität ist schon lange keine reine Nachhaltigkeitsagenda mehr. Sie ist eine zentrale strategische Chance für Europas Unternehmen. Zudem entwickelt sich die zirkuläre Wirtschaft zunehmend zu einer geostrategischen Notwendigkeit für Europas Politik.“
Geschlossene Kreisläufe stärken Europas Wettbewerbsfähigkeit
Weil ein Großteil der in der EU verkauften Großgeräte wie Waschmaschinen auch vor Ort produziert wird, wirkt sich eine effiziente Kreislaufwirtschaft hier direkt auf die Resilienz der Hersteller aus: Zirkuläres Materialdesign kann den Primärmaterialbedarf pro Gerät um 40 bis 50 Prozent senken – darunter den Bedarf an kritischen Rohstoffen um ein bis zwei Kilogramm.
Einen besonders hohen Benefit erzeugen laut BCG-Studie Product-as-a-Service-Modelle, bei denen Kunden Produkte nutzen, ohne sie selbst zu besitzen. Die Marge liegt mehr als 15 Prozentpunkte über der Marge für den Einmalverkauf. Gleichzeitig schafft das Modell Anreize für Langlebigkeit und Reparierbarkeit und reduziert den Anteil des Materialwerts am Lebenszeitumsatz auf rund ein Viertel gegenüber dem Einmalverkauf.
„Heutige Designentscheidungen bestimmen die Kostenposition der Hersteller bis 2030 – und wie viel des Materialwerts von mehr als 65 Milliarden Euro im europäischen Gerätebestand zurückgewonnen werden kann. Produkte müssen so gestaltet sein, dass sich Materialien sauber trennen und wiederverwenden lassen. Damit eröffnet sich auch ein tragfähiger Markt für Reparatur, Refurbishment und Recycling“, sagt Tim Janßen, Geschäftsführender Vorstand der Cradle to Cradle NGO.
Gewaltiges Recycling-Potenzial auch bei Smartphones und Kleingeräten
Der Großteil der Smartphones wird in die EU importiert, der Anteil der hier produzierten Geräte liegt unter 1 Prozent. Der Materialwert der Geräte lässt sich aber in Europa halten und nutzen – durch Reparatur, Refurbishment und Recycling. Das Refurbishment von Smartphones ist ein Massengeschäft und erzielt jährlich europaweit Umsätze von ca. 6 Milliarden Euro. Aktuell werden rund 18 Prozent der in Europa genutzten Smartphones gebraucht gekauft. Bis 2028 dürfte der europäische Markt für gebrauchte Smartphones laut BCG und C2CEI jährlich um acht Prozent wachsen und ein Volumen von rund acht Milliarden Euro erreichen.
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Über Cradle to Cradle NGO
Die spendenfinanzierte und gemeinnützige Cradle to Cradle NGO engagiert sich seit 2012 für eine zukunftsfähige Kreislaufwirtschaft. Mit Bildungsarbeit, Netzwerkarbeit und praxisnahen Projekten bringt sie den Cradle to Cradle-Ansatz in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Ihr Ziel: Eine Gesellschaft, in der Produkte und Prozesse von Anfang an so gestaltet sind, dass sie gesund und fair sind und ihre Materialien kontinuierlich zirkulieren können. Dies gelingt durch Formate wie dem wiederkehrenden C2C Congress, dem C2C LAB in Berlin und dem Konzertprojekt Labor Tempelhof mit Die Ärzte, das 2024 den Sonderpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises erhielt.
Über BCG
Die Boston Consulting Group hilft führenden Unternehmen und Organisationen weltweit, ihre Ambitionen in messbare Ergebnisse zu überführen. Was uns dabei seit jeher auszeichnet: strategische Klarheit – heute verstärkt durch angewandte KI – gestützt auf mehr als 60 Jahre Erfahrung und fundiertes Branchenwissen. BCG arbeitet weltweit und branchenübergreifend eng mit CEOs sowie Entscheiderinnen und Entscheidern zusammen, um tiefgreifende Veränderungen in großem Maßstab zu ermöglichen: höhere Renditen, nachhaltig aufgebaute Kompetenzen und Veränderung, die bleibt. BCG ist mit rund 33.500 Mitarbeitenden in über 100 Städten und mehr als 50 Ländern vertreten und erzielte 2025 einen weltweiten Umsatz von 14,4 Milliarden US-Dollar.
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