Ist Karriere nur eine Frage individueller Leistung – oder auch eine Frage organisationaler Gestaltung? Sozioökonomische Mobilität wird häufig als gesellschaftliche Herausforderung diskutiert. Doch Unternehmen spielen eine zentrale Rolle dabei, ob aus Potenzial tatsächlicher Aufstieg wird. Sie entscheiden, wie Recruiting gestaltet ist, wie Karrieren verlaufen und welche Talente sichtbar werden.
In dieser Publikation analysieren wir, wie die 115 größten Unternehmen Deutschlands soziale Herkunft strukturell berücksichtigen – und wo zwischen formaler Zustimmung und wirksamer Förderung noch eine Umsetzungslücke besteht. Auf Basis eines umfassenden Benchmarkings und vertiefender Interviews zeigen wir, welche konkreten Hebel Unternehmen nutzen können, um Mobilität aktiv zu gestalten.
Sozioökonomische Mobilität ist kein Selbstläufer
Chancenungleichheit entsteht nicht an einem einzelnen Punkt, sondern kumulativ entlang des gesamten Karrierepfades – in Deutschland beginnt sie bereits bei den Bildungsvoraussetzungen im Elternhaus. Statistiken, die die eklatant unterschiedlichen Chancen von Akademiker- und Nicht-Akademiker-Kindern zeigen, bleiben seit Jahren unverändert.
Diese frühen Unterschiede wirken bis in den Berufseinstieg hinein. Wie bereits im Vorgänger dieser Studie (Das schlummernde Potenzial der First-Generation Professionals, 2023) gezeigt, starten Erstakademiker:innen (im Folgenden: „FirstGens") mit strukturellen Nachteilen ins Berufsleben. Dort berichteten wir, dass FirstGens seltener Zugang zu unterstützenden Netzwerken und relevanten Informationen zu Einstiegspositionen erhalten und häufiger das Gefühl entwickeln, am Arbeitsplatz nicht sie selbst sein zu können.
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Hohes Bekenntnis, geringe strukturelle Umsetzung
Doch wie wird dieser Umstand heute adressiert? Viele
Unsere Auswertung der Top 115 Unternehmen in Deutschland verdeutlicht zunächst ein hohes Maß an formaler Zustimmung. So haben 94 % der Unternehmen die Charta der Vielfalt unterzeichnet, in der soziale Herkunft seit Januar 2021 explizit als Diversitätsdimension enthalten ist. Gleichzeitig haben jedoch nur 43 % die soziale Herkunft tatsächlich als eigenständige Diversitätsdimension in ihren Wertekanon oder ihren Code of Conduct integriert. Die Sichtbarkeit dieser Dimension bleibt begrenzt: Lediglich 10 % der Unternehmen machen Erstakademiker:innen über veröffentlichte Erfolgsgeschichten explizit greifbar. Auch im Recruiting zeigt sich ein gemischtes Bild: Rund 50 % der Unternehmen adressieren den sozialen Hintergrund zumindest punktuell in ihren Recruiting-Prozessen. Noch seltener wird der Anschluss an bestehende Strukturen gesucht: Nur 17 % der Unternehmen kooperieren mit externen FirstGen-Netzwerken. Das Thema bleibt damit häufig auf Einzelmaßnahmen beschränkt und abhängig von einzelnen Initiativen, statt systematisch verankert zu sein.
Besonders ausgeprägt ist die Lücke zwischen Anspruch und Realität im Bereich dedizierte, aktive Förderung und Plattformen. Zwar verfügen 78 % der Unternehmen über Employee-Resource-Groups oder vergleichbare Netzwerke für andere Diversity-Gruppen, doch nur ein Zehntel davon hat ein internes Netzwerk mit explizitem Fokus auf der sozialen Herkunft etabliert. Ebenso selten finden sich gezielte Entwicklungsangebote: Kaum ein Unternehmen bietet explizite Programme für FirstGens an, etwa in Form von Trainings oder Mentoring. Insgesamt deutet die Auswertung der Unternehmen darauf hin, dass die sozioökonomische Herkunft zwar zunehmend als relevante Diversitätsdimension anerkannt wird, die Förderung von FirstGens jedoch bislang überwiegend symbolisch bleibt. Zwischen formaler Verankerung, punktueller Sichtbarkeit und nachhaltiger struktureller Unterstützung besteht eine deutliche Umsetzungslücke.
Methodik
Doch warum ist das so? Netzwerke von Beschäftigten vergleichbarer sozialer Herkunft entstehen häufig aus der Belegschaft heraus — durch Eigeninitiative einzelner Mitarbeitender mit persönlichem Engagement, nicht als strategische Initiative des Unternehmens. Die Analyse der 115 größten Unternehmen zeigt ein konsistentes Muster: FirstGen-Förderung ist tendenziell höher in größeren Unternehmen sowie Branchen mit hohem Akademikeranteil. Zwar könnte es sich bei oberflächlicher Betrachtung um eine bloße Korrelation handeln, doch mehrere strukturelle Mechanismen liefern plausible Erklärungen für einen immanenten Zusammenhang: erhöhte Sichtbarkeit sozialer Unterschiede, strategische Relevanz der FirstGen-Förderung im Talentwettbewerb, strukturelle Umsetzungsfähigkeit sowie die Anschlussfähigkeit der Förderung an bestehende Diversitätsstrukturen.
Sichtbarkeit sozialer Unterschiede in akademischen Kontexten.
In stark akademisch geprägten Branchen sind Karrierewege formalisiert, Bildungsbiografien homogener und implizite Erwartungen an Habitus, Netzwerkzugang oder professionelles Auftreten besonders ausgeprägt. Unterschiede zwischen FirstGens und Nicht-FirstGens treten in solchen Umfeldern deutlicher hervor und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass aus individuellem Engagement Netzwerke und strukturierte Unterstützungsformate entstehen.
Strategische Relevanz im Wettbewerb um akademische Talente.
Unternehmen mit hohem Bedarf an hochqualifizierten Fach- und Führungskräften konkurrieren besonders stark um hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte. FirstGens stellen dabei keinen Randaspekt dar, sondern bilden einen relevanten Teil des Talentpools. Unsere vorangegangene Studie zeigt zudem, dass sie häufig hohe intrinsische Motivation, Loyalität und Resilienz mitbringen.
Strukturelle Umsetzungsfähigkeit großer Unternehmen.
Größere Konzerne verfügen häufiger über etablierte Diversity-Strukturen, Ansprechpartner und Budgets. Zudem erhöht eine größere Belegschaft die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine kritische Masse engagierter Mitarbeitender findet, die ein Netzwerk initiiert und trägt.
Anschlussfähigkeit an bestehende Vielfaltsstrategien.
In Unternehmen, in denen Diversität strategisch priorisiert wird, lässt sich soziale Herkunft leichter als zusätzliche Dimension integrieren. Bestehende Employee-Resource-Groups dienen dabei als Vorbilder, an die FirstGen-Netzwerke anknüpfen können.
Wie FirstGens Unternehmen stärken
Die beschriebenen Unterschiede in der Karriereentwicklung sind nicht nur eine Frage der Fairness, sondern wirken sich direkt auf die Unternehmensleistung aus. Der Gender Diversity Index von TUM und BCG zeigt: Divers geführte Unternehmen sind erfolgreicher, resilienter und innovationsstärker als homogene.
Der Zusammenhang zwischen Vielfalt und Unternehmenserfolg gilt dabei nicht nur für Geschlechterdiversität – auch FirstGens tragen nachweislich dazu bei. Sina Barenkau beschreibt FirstGens als „geborene Highperformer", weil sie sich ohne Netz oder doppelten Boden durchkämpfen mussten. Daraus entstehen ihrer Meinung nach drei zentrale Stärken: Resilienz, hohe Eigenmotivation und eine ausgeprägte Kommunikationsstärke.
Unternehmen, die dieses Potenzial nicht gezielt fördern, verzichten damit nicht nur auf Chancengleichheit, sondern auf Performance. Sozioökonomische Mobilität ist kein Randthema – sondern ein strategischer Talenthebel im Wettbewerb um Führungskräfte.
Vorreiter: Was machen sie richtig?
Ein genauerer Blick zeigt, dass sich in einigen Industrien echte Vorreiter erkennen lassen – nennen wir sie „System Builders": Firmen, die sich nicht nur zur Gleichstellung sozialer Herkunft bekennen, sondern auch explizit und aktiv daran arbeiten. Drei davon beleuchten wir exemplarisch an dieser Stelle.
Auffällig ist der leere Quadrant der sogenannten „Silent Supporters": Unternehmen mit hoher FirstGen-Förderung, aber geringem formalem Commitment. Dass kein einziges der 115 Unternehmen dort verortet ist, zeigt: Strukturelle Förderung entsteht in der Praxis offenbar nicht ohne ein explizites Bekenntnis dazu.
Beim Betrachten von Unternehmen, die soziale Mobilität aktiv gestalten, wird klar: Wirksame FirstGen-Förderung folgt keinen komplexen Programmen, sondern klaren Prinzipien.
Niedrigschwelligkeit und unmittelbare Unterstützung.
Erfolgreiche Initiativen entstehen dort, wo Engagement schnell auf Unterstützung trifft. Statt langwieriger Antragsprozesse oder formaler Hürden erhalten FirstGen-Initiativen früh Zugang zu Ressourcen und Budgets und finden organisatorischen Rückhalt. Diese Niedrigschwelligkeit ist mehr als ein operativer Vorteil – sie signalisiert Anerkennung und Legitimität. Erfahrungen aus Unternehmen wie E.ON und der Deutschen Bahn zeigen, dass Wirkung dort entsteht, wo Verantwortung geteilt und Initiative aktiv ermöglicht wird. Das bestätigt Matthias Preiser, Group Head of Leadership, Talent and Performance, bei der Deutschen Bahn: Es seien „Rahmenbedingungen mit Zeitbudget, kleinen Geldbeträgen für die Finanzierung eigener Aktivitäten und einem kleinen Kern von motivierten Vorreitern" erforderlich.
Sichtbarkeit als Voraussetzung für Veränderung.
Soziale Herkunft entfaltet erst dann Wirkung als Vielfaltsdimension, wenn sie sichtbar wird. Vorreiterunternehmen adressieren den FirstGen-Status explizit als Diversity-Dimension, kommunizieren kontinuierlich dazu und nutzen unterschiedliche Formate, von Recruiting-Kampagnen bis hin zu Vorträgen starker Rollenvorbilder, die öffentlich über ihre Erfahrungen sprechen. Haritharan (Harry) Gunapalasingam, zweiter stellvertretender Betriebsratsvorsitzender der Telekom, sagt über die Rolle von Vorbildern: „Offene Kommunikation über die eigene Geschichte ist extrem wichtig. Es braucht Vorbilder – und die Sicherheit, dass einem die eigene Herkunft nicht auf die Füße fällt, wenn man seine Geschichte teilt." Eine solche Sichtbarkeit schafft organisationsweite Aufmerksamkeit und verankert soziale Herkunft als legitimes Thema über alle Ebenen hinweg.
Sensibilisierung dort, wo entschieden wird.
Ein weiterer Erfolgsfaktor liegt bei den Entscheidungsträgern. Insbesondere im Recruiting und an Karriereübergängen wirken implizite Erwartungen oft als unsichtbare Barrieren. Vorreiterunternehmen investieren daher gezielt in die Sensibilisierung von Recruiter:innen und Führungskräften und hinterfragen etablierte Auswahlkriterien. Der Fokus verschiebt sich von formalen Stationen hin zu Kompetenzen, Potenzial und Entwicklungsperspektiven – und macht damit soziale Mobilität gestaltbar. Dabei betont Haritharan (Harry) Gunapalasingam die Bedeutung von fairen Karrieremöglichkeiten für alle: Viele ausgeschriebene Stellen seien im Hintergrund längst besetzt. Dabei sollte die Personalsuche von innen nach außen erfolgen, um Kolleg:innen im Team, die den nächsten Schritt gehen wollen, nicht zu übersehen.
Was Vorreiter verbindet.
Unabhängig von Branche oder Organisationsform gilt, dass Mobilität nicht von selbst entsteht. Sie wird möglich, wenn Unternehmen Initiative zulassen, Vielfalt sichtbar machen und Entscheider befähigen. Dort, wo diese Faktoren zusammenspielen, entfaltet FirstGen-Förderung ihre strukturelle Wirkung.
Vorreiter: E.ON
Das 2024 von Sina Barenkau und Dr. Martina Berenbrinker gegründete FirstGen@EON-Netzwerk bietet seinen Mitgliedern die Möglichkeit, sich miteinander zu vernetzen, und schafft Achtsamkeit für das Thema. Unter anderem führte das Netzwerk Trainings an verschiedenen relevanten Punkten im Unternehmen durch, etwa in der Recruiting-Abteilung.
Was macht E.ON besonders?
E.ON begrüßte die Initiative zur Gründung des FirstGen-Netzwerks ausdrücklich. Es gab keine Antragshürden, sondern Interesse und Unterstützung – so war das erste Event schnell organisiert. Wie Sina Barenkau sagen würde: Bei E.ON gibt es Raum für Mutausbrüche.
Was sagt eine der Gründerinnen des FirstGen-Netzwerks dazu?
„Traut euch, selbst zu starten, was ihr euch in eurer Karriere gewünscht hättet. Klein anfangen und dann immer weiter!" – Dr. Martina Berenbrinker (Senior Compliance Expert)
Vorreiter: Deutsche Bahn
Die Deutsche Bahn fördert Chancengleichheit für FirstGens durch Kooperationen mit der Initiative ArbeiterKind.de, um Studierende aus nicht-akademischen Familien beim Berufseinstieg zu unterstützen. Seit 2025 gibt es mit Arbeiterkind@DB ein eigenes Netzwerk, das verschiedene Formate und Vernetzungsmöglichkeiten anbietet.
Was macht die DB besonders?
Die DB ist besonders laut in ihrem Social-Media-Auftritt und ihren Recruiting-Kampagnen. Damit inspiriert sie gezielt Menschen aus Familien ohne akademische Tradition.
Was sagt der Gründer des FirstGen-Netzwerks dazu?
„Es braucht Vorbilder, die wirklich strahlen. Darüber hinaus übernimmt jeder Vorstand die ‚Patenschaft‘ für eine Vielfaltsdimension und unterstützt diese ganz aktiv." – Matthias Preiser (Group Head of Leadership, Talent and Performance)
Vorreiter: Deutsche Telekom
Das FirstGen-Netzwerk der Telekom, „Magenta Social Movers", wurde 2024 gegründet und ermöglicht seinen Mitgliedern regelmäßigen Austausch in monatlichen Calls und anderen Learning-Formaten. Dabei versucht besonders der Gründer, anderen Mitgliedern mit seinem weitreichenden Kontaktnetz unter die Arme zu greifen. Intern wird das Thema durch eine seniore Sponsorin unterstützt. In der Zukunft planen die Social Movers zahlreiche Aktivitäten, wie zum Beispiel den Besuch von Schulen.
Was macht die Deutsche Telekom besonders?
Die Telekom schafft bewusst ein Umfeld und eine Kultur, in der FirstGens wachsen können. So wurde Harry nach seiner Ausbildung von einer Führungskraft ermutigt und aktiv unterstützt, sein Studium nachzuholen.
Was sagt der Gründer des FirstGen-Netzwerks dazu?
„Resilienz ist die größte Stärke der FirstGens – und die brauchen Unternehmen heute mehr als je zuvor." – Haritharan (Harry) Gunapalasingam (2. stv. BR-Vorsitzender)
Die drei Karrieremeilensteine: Wo Mobilität ins Stocken gerät
Betrachten wir als Nächstes, welche kritischen Wegmarken FirstGens in ihrer Berufslaufbahn passieren. Jeder Karriereschritt folgt eigenen, meist impliziten Spielregeln. Diese verändern sich mit jedem Übergang und stellen für FirstGens an entscheidenden Meilensteinen strukturelle Hürden dar.
1. Berufseinstieg.
Der Berufseinstieg markiert einen grundlegenden Rollenwechsel, der implizite Voraussetzungen mitbringt: Praktika in renommierten Unternehmen, ein belastbares Netzwerk und eine selbstsichere Selbstdarstellung werden erwartet — Ressourcen, die FirstGens strukturell seltener zur Verfügung stehen. Hinzu kommt, dass FirstGens bei der Hochschulwahl häufiger zu ausbildungsnahen oder dualen Studiengängen tendieren — Formate, die den Eltern vertraut sind und früh einen Verdienst ermöglichen, die aber den Zugang zu bestimmten Arbeitgebern und Karrierepfaden von vornherein einschränken können. Diese Nachteile bleiben auch nach mehreren Berufsjahren spürbar, denn wer bereits beim Berufseinstieg erlebt, nicht dazuzugehören, entwickelt häufiger Selbstzweifel oder vermeidet riskantere, potenziell karrierefördernde Schritte.
2. Einstieg ins mittlere Management.
Ein weiterer kritischer Übergang ist der Einstieg ins mittlere Management. Hier treten neben fachlicher Leistung zunehmend Führung, Beziehungsmanagement und das Navigieren struktureller Machtstrukturen in den Vordergrund. Erwartet wird nicht nur Führungskompetenz, sondern auch Sichtbarkeit als Führungskraft. Laut Sina Barenkau, Erstakademikerin, Juristin und Co-Gründerin des FirstGen-Netzwerks bei E.ON, ist diese Sichtbarkeit eine entscheidende Karrierebedingung: „Nur wer sichtbar ist, findet statt." In Deutschland kommt ein ausgeprägter „Klasse-Effekt" hinzu: Für höhere Führungspositionen wird häufig ein „passendes soziales Profil" erwartet.
3. Aufstieg ins obere Management.
Der Wechsel ins obere Management führt häufig in einen sozial homogenen Führungskreis, der in Deutschland traditionell von Personen aus Haushalten mit hohem Bildungs- und Einkommensstatus geprägt
Zeit für einen #Mutausbruch
Sozioökonomische Herkunft beeinflusst nicht nur Zugänge, sondern auch Potenziale – und damit den Erfolg von Unternehmen. Der ‚Class Pay Gap‘ – in Deutschland auf 10–15 %
FirstGen Commitment Score: Berücksichtigung sozialer Herkunft im Recruiting (Gewicht 5), explizite Verankerung sozialer Herkunft als Vielfalts-Dimension (Gewicht 5), Unterzeichnung der Charta der Vielfalt (Gewicht 3). FirstGen Förderung Score: internes FirstGen Netzwerk (5), spezifische Trainings oder Mentorings (4), Sichtbarkeit von FirstGen Role Models (4), Kooperationen mit externen FirstGen-Organisationen (2), FirstGen Auszeichnungen (2).
Eurostat (n.d.): Employed persons by occupation and economic activity. European Commission.
Wenn soziale Mobilität kein Zufall sein soll, können Unternehmen gezielt dort ansetzen, wo Karrieren entschieden werden: im Recruiting, an Übergängen, bei Beförderungen. Die gute Nachricht: Es braucht keine komplexen Programme – sondern klare Verantwortlichkeiten, Ressourcen und messbare Maßnahmen. Auf Basis unserer Erkenntnisse leiten wir in der folgenden Abbildung konkrete, umsetzbare Hebel ab, mit denen Unternehmen ihre FirstGens an den entscheidenden Karriereübergängen gezielt fördern können.
Der 10-Schritte-Plan bietet einen konkreten Einstieg — von der Definition erster Ziele bis zur nachhaltigen Verankerung im Unternehmen. Gleichzeitig braucht es mehr Sichtbarkeit von denen, die diese Strukturen durchlaufen. Ein solcher „Mutausbruch" muss kein großer Akt sein. Oft ist es nur ein Gespräch oder eine Anregung im Team, im Unternehmen, in der Öffentlichkeit.
10-Schritte-Plan zur Verankerung sozioökonomischer Vielfalt
Klären, warum sozioökonomische Vielfalt für das Unternehmen relevant ist und was konkret erreicht werden soll. Fokusfelder klar benennen und intern kommunizieren.
2. Sichtbare Unterstützung aus der Führung gewinnen.
Führungskräfte aktiv einbinden, die das Thema glaubwürdig vertreten, in der Organisation vorantreiben und dabei eine klar definierte Rolle mit konkretem Beitrag übernehmen.
3. Klare Verantwortlichkeiten definieren.
Ein zentrales Kernteam aufbauen. Zuständigkeiten, Ansprechpartner und Entscheidungswege verbindlich festlegen. Verantwortung konsequent zuordnen, damit Engagement nicht von Einzelpersonen abhängt.
4. Lokale Ansprechpartner benennen.
Engagierte Mitarbeitende vor Ort als Ansprechpartner einsetzen. Verantwortung für Vernetzung, Veranstaltungen und die Begleitung neuer Mitglieder lokal verankern. Enge Abstimmung mit dem Kernteam sicherstellen.
5. Feste Formate und Rhythmus etablieren.
Regelmäßige Treffen, standortübergreifenden Austausch und lokale Check-ins einführen. Ein verlässlicher Rhythmus schafft Verbindlichkeit und macht aus Einzelinitiativen eine strukturierte Förderung.
6. Wiederverwendbare Angebote entwickeln.
Formate und Materialien bereitstellen, die sich einfach übertragen lassen: Veranstaltungskonzepte, Buddy-Programme, Onboarding-Leitfäden, Kommunikationsvorlagen. Ziel: Hohes Engagement bei minimalem Aufwand.
7. Budget und Ressourcen transparent klären.
Klare Budgetrahmen pro Standort definieren. Einfache Freigabeprozesse etablieren, die Eigeninitiative ermöglichen anstatt Einzelfallentscheidungen, die Initiative ausbremsen.
8. Sichtbarkeit aktiv gestalten.
Das Thema soziale Herkunft intern sichtbar machen über Newsletter, interne Kanäle, Veranstaltungen und Erfolgsgeschichten von FirstGens. Kontinuierliche Kommunikation verankert das Thema als legitime Diversitätsdimension auf allen Ebenen.
9. Wirkung messen und weiterentwickeln.
Regelmäßiges Feedback aus der Community einholen. Erkenntnisse konsequent nutzen, um Angebote, Prioritäten und die Arbeitsweise des Netzwerks weiterzuentwickeln.
10. Strukturell verankern und ausbauen.
FirstGen-Förderung in bestehende Recruiting-, Karriere- und Entwicklungsprozesse integrieren. Das Netzwerk mit anderen Diversitätsinitiativen verzahnen, damit soziale Mobilität kein Randthema bleibt, sondern Teil der Unternehmenskultur wird.
Auch wenn nicht alle FirstGens eine Führungsrolle anstreben, sollten diejenigen, die es tun, nicht an unsichtbaren Regeln scheitern. Diese Studie endet daher mit einem klaren Appell: Sozioökonomische Mobilität entsteht nicht von selbst. Sie wird gestaltet – durch Unternehmen, durch Führungskräfte, durch FirstGens und durch „Allies", die Verantwortung übernehmen. Jetzt ist der Moment, damit anzufangen!
Danksagung
Die Autor:innen danken Max Korfmacher, Associate im Düsseldorfer BCG-Büro, und Salma Mueller-Menrad, Associate im Münchner BCG-Büro, die beide an der Konzeption dieser Studie mitgewirkt, Interviews durchgeführt und die Ergebnisse der Studie ausgewertet haben.
Darüber hinaus möchten sich die Autor:innen ganz herzlich bei Sina Barenkau, Dr. Martina Berenbrinker, Sven Pusch, Matthias Preiser, Haritharan (Harry) Gunapalasingam, Sina Gerullis-Hermann, Corrina Lutz, Lisa Hauser und Misel Ahom bedanken, die sich freundlicherweise zu ausführlichen Interviews bereit erklärt haben, um ihre persönlichen Erfahrungen sowie die Initiativen ihrer Unternehmen im Interesse von FirstGen-Professionals einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.